Eco, Health Talk

Warum uns der Wald so gut tut [+ was ist eigentlich Waldbaden?]

Alex und ich machen nun schon lange einmal pro Woche einen ausgedehnten Waldspaziergang. Seit kurzem sind wir auch unter die Wanderer gegangen! Es tut mir so unheimlich gut, viel Zeit in der Natur, besonders im Wald, zu verbringen. Meistens ganz ohne Handy. Nur der Wald und ich (und Alex oder meine Family). Dass Zeit im Wald wohltuend wirkt, ist kein Wunder. Es ist längst in zahlreichen Studien bewiesen, dass Zeit in der freien Natur Körper und Geist stärkt. Wie der Wald, sein üppiges Grün, dichtes Unterholz und all die uralten Bäume, auf unser psychisches und physisches Wohlbefinden wirken und was Waldbaden ist, erkläre ich heute.

1. Was ist Waldbaden? 

Beim Waldbaden wird die heilende Kraft der Natur neu entdeckt und bringt uns Menschen all die Vorteile (siehe unten aufgelistet), die der Wald in seiner Natürlichkeit mitbringt, nahe. Nutzt sie. Waldbaden – Shinrin Yoku (森林浴) – kommt ursprünglich aus Japan, gibt’s dort schon seit den 1980er-Jahren und ist schon lange fester Teil der Gesundheitsvorsorge, weil das gesundheitsfördernde Potenzial so immens ist. In Japan kann man an einer Universität bereits zum Waldmediziner*in ausgebildet werden. Beim Waldbaden taucht man in die heilende Waldluft ein (badet sozusagen darin), nimmt ganz bewusst wahr, geht langsamer als beim spazieren, schöpft neue Kraft, findet Kreativität, betrachtet, hört die Vögel zwitschern und den Bach plätschern, fühlt, nimmt das Hier und Jetzt vollkommen frei wahr. Waldbaden hilft dir, die Verbindung zur Natur neu herzustellen. Es gibt da keinen 10-Punkte-Plan, den du abarbeiten musst. Es gibt keine Tabus. Fühle die Rinde, schnuppere an der Tanne, beginne eine Meditation und schlage Wurzeln. Tu, was sich richtig anfühlt oder tu gar nichts. Das geht zu jeder Jahreszeit! Das kannst du alleine machen, zu zweit, oder geführt in einer Gruppe mit einer/einem zertifizierten Waldbaden-Leiter*in.

2. Wie der Wald auf unseren Körper und die Psyche wirkt

Teilweise wirkt der Wald unbewusst auf uns. Die Waldluft, die wir automatisch einatmen, ist heilsam. Der Boden, über den wir gehen, trainiert unsere Balance. Jedoch geht’s auch um die bewusste Wahrnehmung. Das „sich drauf einlassen“, das runterkommen, das Handy ausschalten und voll und ganz den Moment genießen. In den folgenden Punkten erkläre ich, wieso es tatsächlich irre gesund ist, regelmäßig Zeit im Grünen, im Wald, zu verbringen.

Glücksgefühl

Über das Grundwasser nehmen Bäume das Edelgas Radon auf. Dieses wird über die Blattflächen wieder abgegeben. Aus diesem Grund besteht im Wald eine höhere Konzentration an negativen Luftionen. Wenn wir sie einatmen, kommt es zu physiologischen Prozessen in unserem Körper, die stimmungsaufhellend wirken. Sie können sogar unterstützend bei Depressionen wirken. In der Natur können wir psychologisch am meisten Glück verspüren und besonders effektiv loslassen. Außerdem entspannen sich im Wald unsere Sinne. Das Grün, die Weite, die Formen – all das tut gut und entspannt. Außerdem: Waldluft ist reich an Sauerstoff und es ist bekannt, dass reiner Sauerstoff der Auslöser für ein Glücksgefühl in uns ist.

Balance-Trainer

Waldwege stärken unser Herz-Kreislauf-System und helfen, unsere Balance zu trainieren. Warum? Weil wir im Wald oft über Stock, Stein und Wurzel gehen. Dort gibt’s nicht durchweg ebenen Grund. Im Carpe diem-Magazin wird erklärt, dass Waldwege dreidimensionale Laufbänder sind, die unsere Bein- und Rumpfmuskulatur anregen. Der Untergrund kann glitschig, weich oder brüchig sein. Wir setzen unsere Schritte also mit Bedacht und bewusst.

Zurück zum Ursprung

Als Menschen, die überwiegend in der Stadt leben, sind wir Grautöne gewöhnt. Das ist aber erst die letzten 150 Jahre der Fall. Zuvor waren wir hunderttausende Jahre in der Natur daheim. Die fraktalen Formen (Fraktal im Duden: komplexes geometrisches Gebilde, wie es ähnlich auch in der Natur vorkommt) des Waldes, die einen klaren Gegensatz zu den geraden Linien in der Stadt bilden, entspannen und kitzeln unsere Augen. Evolutionär gesehen haben wir das Leben im Wald und auf Wiesen im Blut. Wenn wir also Zeit im Wald verbringen, dann erinnert sich unser Körper daran, unser Gehirn geht in Resonanz und unser System entspannt sich. Krankheiten werden reduziert. Zeit im Wald führt uns zu unserem Ursprung zurück: Leben in und mit der Natur. Wir fühlen uns im Wald instinktiv wohl.

Aromatherapie

Ist euch schonmal aufgefallen, wie gut es im Wald riecht? Das liegt an den ätherischen Ölen der Bäume, die wir über Haut und Atemwege aufnehmen. Dadurch wird unser Immunsystem gestärkt und aktiviert. Je vielfältiger die Biodiversität in einem Wald ist, desto besser wirkt er auf unseren Organismus. Urbakterien und Pilze auf Flechten, Wurzeln, Moosen, Blättern und auf dem Boden bilden gemeinsam ein Mikrobiom. Gemeinsam mit den ätherischen Ölen nehmen wir diese Kleinstorganismen auf. Phytonzide (eine gute Bakterie, die von den Bäumen abgegeben wird)) wirken auf uns Menschen ausgleichend und werden auch in der Naturheilkunde eingesetzt. Außerdem steckt die Waldluft voller sekundärer, bioaktiver Pflanzenstoffe (Terpene). Wenn wir diese nährende Luft einatmen ist das eine Wohltat für unser Immunsystem und wirkt antikanzerogen. 

Phytonzid-Power

Bereits im vorherigen Punkt angesprochen möchte ich auf Phytonzide nochmal genauer eingehen. Phytonzide (Abwehrstoffe der Bäume) und auch Terpene (Botenstoffe der Bäume und Pflanzen) stimulieren unsere Immun- und Killerzellen. In Japan wurde bereits mehrfach nachgewiesen, wie gesund der Wald für uns ist, wenn wir denn darin Zeit verbringen. Spaziergänge im Wald fördern nicht nur die Entstehung drei verschiedener Anti-Krebs-Proteine*, sondern auch die Bildung ungewöhnlich hoher Mengen natürlicher Killerzellen*. Diese sind, vereinfacht gesagt, dafür da, Krebszellen aufzuspüren und diese dann zu attackieren.

Die Phytonzide bilden Pflanzen als Selbstschutz, um sich mit deren Hilfe vor Bakterien und Viren zu schützen. Diese werden von den Pflanzen an die Luft abgegeben. Wenn wir in der Natur unterwegs sind, atmen wir sie ein und können unsere natürlichen Killerzellen vermehren. Diese Zellen wirken ähnlich wie Antibiotika, töten aber nicht wahllos, sondern wirken eher regulierend. Sie eliminieren Viren im Körper und bekämpfen Tumore. Waldluft enthält antikanzerogene Substanzen. Nach einem Tag im Wald steigt die Anzahl der Killerzellen bereits um 40% und die Aktivität steigert sich um 50%. Um die regulierende Fähigkeit der Phytonzide besser zu verstehen, könnt ihr euch den biologisch-dynamischen Landbau vorstellen, wo sie schon lange genutzt werden. Manche Pflanzen können sich mit ihren Phytonziden auch gegenseitig schützen und diese werden dann wiederum gemeinsam angebaut. So können Erreger und Schädlinge auf natürliche Weise und ohne den Einsatz giftiger Pestizide in Schach gehalten werden.

Terpene sind Teil der pflanzlichen Kommunikation. Bäume, Sträucher tauschen Botschaften untereinander aus oder geben Informationen zu Schädlingen weiter. Sie können auch Nützlinge herbeirufen, also mit Insekten kommunizieren. Das passiert über chemische Substanzen, die gasfärmig in der Waldluft enthalten sind. Unser Immunsystem kann diese sogenannten Terpene entschlüsseln. 2000 Duftstoff-Vokabeln aus 900 Pflanzenfamilien kennt man mittlerweile. So wie Pflanzen auf die Terpene beispielsweise mit einer Steigerung der Abwehrkäfte reagieren, reagieren auch wir Menschen mit einer Steigerung der Abwehrkräfte. Wir nehmen sie über den Atemvorgang durch die Lungen, aber auch über die Haut auf. Sie treten in unseren Blutkreislauf ein und erreichen Zellen und Organe.

Nadelbäume geben mehr Terpene ab, als Laubbäume und im Waldesinneren ist die Konzentration von Terpenen am höchsten. Die meisten Terpene gibt es im Juli und August. Sie sind außerdem in der Höhe von 1-2 Meter am besten erhalten.

Sowohl Krebsforscher, als auch Waldmediziner kommen zu dem Schluss, dass die Terpene Pinene und Limonene diese sind, die den größten heilenden Effekt auf unseren Organismus haben können. Pinene findet man in Nadelbäumen, Fichtenbäumen und im mediterranen Myrtenstrauch. Limonene ist in Lavendel und Zitrusgewächsen enthalten und wird auch von Kiefern, Tannen und Fichten abgegeben.

*Krebs ist eine multifaktorielle Erkrankung. Das heißt, dass viele Faktoren zur Erkrankung beitragen, aber eben auch zur Heilung verschiedene Faktoren nötig sind. Die Naturerfahrung kann eine Vorbeugung sein und als Puzzlestück in der Heilung von Krebs und vielen anderen Krankheiten helfen.

Klimaanlage

Die natürlichste aller Klimaanlagen sind Bäume. Bäume kühlen auf natürlichste und angenehmste Weise und spenden zugleich Schatten. Im Wald kann es bis zu 7 Grad kühler sein, als in der Stadt. Ein großer Baum kann an einem warmen Tag 200 Liter Wasser verdunsten! Nebenbei produziert er Sauerstoff und eine Menge an ätherischen Ölen.

Grüne Blätterkur

Schon 1-2 Stunden in der Natur stärken unseren Körper und unseren Geist. Wälder wirken krankheitspäventativ und blutdrucksenkend und wie weiter oben erwähnt, untersützen sie auch unsere psychische Gesundheit. Der Wald wirkt gleich – egal ob bei jung alt, reich oder arm. Jeder profitiert gleichermßaen von dieser „grünen Medizin“, wie eine englische Studie beweist. Aufenthalte in der Natur und unter Blätterdächern können physische und psychische Krankheiten vorbeugen, lindern Schlafprobleme und aktivieren unser Immunsystem. Die Farbe Grün besitzt einen entzündungshemmenden Effekt, wirkt ausbalancierend auf Herz und Nieren und beruhigt laut der Farbpsychologie die Nerven. Nichtsdestotrotz tut uns der Wald auch im Winter sehr gut.

Entspannung

Dass der Wald entspannt, ist nach all den aufgelisteten Punkten klar. Jedoch möchte ich nochmal den Unterschied zur Stadt betonen. Städte bedeuten Stress für unseren Organismus. All die Eindrücke und Gerüche – das ist viel. Unsere Sinne sind überreizt. Die Feinstaubbelastung ist hoch. Der Wald bietet das Gegenteil. Frische Luft, Achtsamkeit, Entschleunigung, neue Kraft, Entspannung für Körper, Geist und Seele. Jedoch musst du es auch richtig anstellen: Handy aus oder erst gar nicht mitnehmen und dann auf die Erfahrung einlassen. Entdecken. Genießen. Nebenher staunen, ganz automatisch die Stresshormone reduzieren und ein paar Brombeeren pflücken.

Gesundheitsvorsorge

Klar, jeder Absatz dieses Beitrags beschäftigt sich mit dem gesundheitsfördernden Potenzial des Waldes. Es ist auch tatsächlich nicht verwunderlich, dass der Wald bzw. die Natur ganz allgemein einen so positiven Effekt auf unser Immunsystem hat, denn unser Immunsystem ist ja im Laufe vieler Jahrtausende in Wechselwirkung mit der Natur entstanden. Man könnte hier eine interessante These aufstellen. Nicht nur die Umweltgifte, all der Stress und ungesunde, pestizid-vergiftete Lebensmittel machen uns krank, sondern eben auch das Fehlen bioaktiver Substanzen aus der Pflanzenwelt. Denn diese braucht unser Organismus, um gesund zu bleiben. Die Trennung von der Natur in den letzten Jahrzehnten hat uns nicht gut getan. Nun finden wir hoffentlich wieder, langsam aber doch, dorthin zurück.

Ich möchte gerne zusammenfassend nochmal auf den Punkt bringen, inwiefern der Wald auf unsere physische und psychische Gesundheit wirken kann, wenn wir regelmäßig Zeit darin verbringen:

Warum der Wald gut tut – auf einen Blick:

– Rückgang der Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin (Stressreduktion)

– Aktivierung des Parasympathikus (das ist der Nerv der Ruhe)

– Positive Auswirkung auf die Psyche

– Blutdrucksenkend

– Anregung der Nebennierenrinde, mehr von der Herzschutzsubstanz DHEA zu poduzieren

– Wahrnehmung von Schmerz kann reduziert werden

– Stärkung des Immunsystems

– Entzündungshemmende Wirkung

– Niedergeschlagenheit, Müdigkeit und Reizbarkeit werden reduziert

– Förderung der Bildung natürlicher Killerzellen*

– Anregung der Bein- und Rumpfmuskulatur

– Steigerung des Wohlbefindens durch ätherische Öle und den hohen Sauerstoffgehalt in der Luft

– Stimmungsaufhellende Wirkung

– Entlastung der Gelenke

– Senkung des Pulses

– Steigerung der Konzentration krebshemmender Proteine

– Entlastung der Atemwege

uvm.

Wie viel ist „genug“?

In Österreich ist fast die Hälfte des Landes mit Wald bedeckt. In Deutschland sind es etwa 32%. Lasst uns diese grünen Wunder-Flächen nutzen, die Verbindung zum Wald neu herstellen und unserem Organismus Gutes tun! Bei uns ist es mittlerweile eine wunderschöne Routine geworden, regelmäßig in den Wald zu gehen. Zu jeder Jahreszeit!

Laut dem renommierten Waldmediziner Qing Li sollte man mindestens zwei Stunden im Wald verbringen. Im Idealfall 2-3x pro Monat (oder häufiger) mindestens vier Stunden lang. Somit bleibt die Wirkung auf das Immunsystem etwa einen Monat erhalten. Lasst uns den Wald zum aufladen und zur Stärkung unseres Immunsystems nutzen!

Aber: Es muss nicht immer der Wald sein. Wenn du deine Mittagspause nutzt, um 15 Minuten im Park zu sitzen, auf einer Wiese, auf der verstreut Bäume stehen, entlang zu spazieren, in einem Garten zu sitzen oder Ähnliches, ist auch das bereits sehr wohltuend. Die heilsame Wirkung der Natur wird nicht nur im Wald, sondern auch in der Stadt beobachtet.

Wilde Sache

PS: Wisst ihr, was richtig schön ist? Wenn ihr das Sammeln von Wildkräutern oder Wildbeeren mit einem schönen Waldspaziergang verbindet. Das macht so viel Freude. Hier kommt ihr zu meinen Guides Wilde Brombeeren pflücken: Alles, was du wissen musst und Alles, was du übers Bärlauchpflücken wissen musst [+ keine Angst vor Maiglöckchen, Herbstzeitlose und Fuchsbandwurm].

 

 


Quellen:

Carpe Diem 1/19

Mimameid Waldbaden

Psychologie heute: Die Waldmedizin

 

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2 Comments

  • Reply Julia 12. September 2019 at 8:24 am

    Ein schöner Artikel! 🙂
    Als „Landkind“ (aufgewachsen und jetzt auch immer noch mit Wald rund herum lebend) kann ich das alles nur bestätigen. Auch wenn es nicht so wissenschaftlich betrieben wurde, bin ich von klein auf gewohnt dass meine Uroma, Oma oder auch Mama zu mir sagten: Wenns dir nicht gut geht (Stress in der Schule, Liebeskummer, was auch immer) dann „geh a Runde im Wald spazieren“. 🙂 Die Ruhe macht einfach viel aus, und die unterschiedlichen Gerüche, je nach Jahreszeit, die Tiere die man nur sieht, wenn man wirklich leise ist….
    Würde das jedem wünschen und empfehlen regelmäßig zu machen.

  • Reply Ursula 11. September 2019 at 12:05 pm

    Ganz herzlichen Dank für Deinen Artikel, Justin. Dein Weg durch solche Themen beeindruckt mich. Solche Artikel brauchen wir dringend. So wünsche ich vielen Leserinnen und Lesern eine Reihe Spaziergänge frei von Handy und Co. Einfach waldbaden.
    Auf denn. Lasst uns waldbaden. Herzlich grüsst Ursula

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