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Artenvielfalt Ade: Was das Insektensterben auslöst, was es für die Menschheit bedeutet und wie es überhaupt dazu kam

So Leute. Das ist ein intensiver Artikel. Und ein wichtiger. Was hier drin steht, geht uns alle was an und es ist sehr, sehr essentiell bzw. sogar überlebenswichtig (warum, erkläre ich weiter unten), dass wir das Insektensterben und die abnehmende Artenvielfalt verstehen und aktiv etwas dagegen tun. Los geht’s!

Der Artikel ist unterteilt in folgende Abschnitte:

1. Artenvielfalt Ade: Die aktuelle Lage
2. Die Aufgaben der Insekten verstehen
3. Wie konnte es zum Insektensterben kommen?
4. Was passiert, wenn die Artenvielfalt weiter abnimmt?
5. Was du ab sofort dagegen tun kannst

 

1. Artenvielfalt Ade: Die aktuelle Lage

Ich wusste, dass es schlimm steht um die Artenvielfalt. Aber dass wir auf eine ökologische Katastrophe zusteuern, wurde mir erst vor wenigen Monaten bewusst, als ich begonnen habe, im Buch Das große Insektensterben vom Insektenforscher Andreas Segerer zu lesen. Buchtipp! Die Lage ist verdammt ernst, da Insekten das Fundament eines intakten Ökosystems sind.

Wissenschaftler*innen und Insektenforscher*innen beobachten bereits seit Jahrzehnten den radikalen Rückgang von Insektenvorkommen. Man muss jedoch keine Forscher*in sein, um bemerkt zu haben, dass es deutlich weniger Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten gibt. Ein deutliches Indiz sind bspw. die Frontscheiben beim Auto. Wenn man vor 20 oder 30 Jahren auf der Autobahn gefahren ist, war die Windschutzscheibe voll mit toten Fliegen. Heutzutage sind es deutlich weniger. 

Aktuell verschwinden jährlich tausende Tier- und Pflanzenarten. 

Im Herbst 2017 kam die sogenannte Krehfeld Studie heraus, eine sehr detaillierte und groß angelegte Studie (publiziert in der hochrangigen naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift PLoS ONE) über den massiven Rückgang der Biomasse von Fluginsekten in den letzten Jahrzehnten an 63 Standorten in Deutschland. Das Ergebnis in Kurzfassung lautet wie folgt:

In den vergangenen 27 Jahren ist in den untersuchten Gebieten die Biomasse der Fluginsekten im Schnitt um 76,7% zurückgegangen.

Ich will euch das am liebsten entgegenschreien, um sicherzugehen, dass es ankommt. Knapp 77%. Das ist unfassbar. Ich kann die Zahl kaum glauben, so unrealistisch kommt es mir vor. Leider ist sie wahr. Im Sommer erreichte der Schwund sogar Werte von über 80%. Die schlimmste Information kommt jedoch noch. Die Werte wurden in Schutzgebieten gemessen. Das heißt, die Werte an Orten, an denen die Biodiversität nicht extra geschützt wird, sind logischerweise noch schlechter. Eine Auswertung aus Großbritannien, die auf 3 Millionen Datensätzen basiert, zeigt ebenfalls erschreckende Ergebnisse. 76% der Arten zeigen eine rückläufige Entwicklung. 37% sind gar um mehr als die Hälfte eingebrochen.

Doch wie viele Arten sind tatsächlich bereits ausgestorben?

Eine weitere spannende Studie, die auf fast einer halben Million Datensätze, zurückreichend bis ins 18. Jahrhundert, basiert, gibt Aufschluss über Schmetterlinge. Damals gab es 3.243 dokumentierte Schmetterlingsarten. Im 21. Jahrhundert konnten davon nur noch 2815 nachgewiesen werden. Ein Schwund von 13%. In den Jahren 1971 bis 2000 gingen jedoch mehr Arten verloren, als in den 200 Jahren davor. Die Ausmaße des Aussterbens werden also stärker. Und das Aussterben wird weitergehen. Bei 3/4 unserer Schmetterlinge hat die Population gar um über 90% abgenommen. 

Der Bestand des Tagfalters hat sich in der Schweiz innerhalb von 100 Jahren um 99% verringert.

In Österreich sind 52% der Tagfalter und 40% der Nachtfalter aktuell gefährdet.

In Innsbruck konnte man einen Rückgang der 2000 Schmetterlingsarten um 40% beobachten.

In Bangladesh sind von den 305 Tagfalterarten 188 als bestandsgefährdet eingestuft.

Diese Liste könnte man ewig weiterführen. Zusammenfassend kann man sagen, dass Insektensterben ein weltweites Phänomen ist. 67% der hinreichend gut untersuchten Arten von Wirbellosen zeigen einen Rückgang an Dichte und zwar im Mittel um 45% ihrer früheren Häufigkeit. Die Insektenpopulation ist um etwa 75% geschrumpft. Bei den Schmetterlingen sind es etwa 35%.
Es gibt unzählige Arten, deren Lebensraum bereits zerstört wurde, bevor der Mensch sie überhaupt entdecken konnte, Stichwort: Regenwald.

 

2. Die Aufgaben der Insekten
verstehen – Warum wir Menschen
auf Insekten angewiesen sind

1. Bestäubung

Wusstest du, dass rund 90% der Blütenpflanzen auf Bestäubung durch Insekten angewiesen sind? Die perfekt aufeinander abgestimmte und harmonische Beziehung zwischen Insekten und Blütenpflanzen ist das Resultat aus Millionen Jahren gemeinsamer Evolution, die zu wechselseitigen Abhängigkeiten geführt hat. Pflanzen sichern sich Fortpflanzung und Insekten erhalten im Gegenzug Nahrung. Mit dem Aussterben der Bestäuber steht die Nahrungsmittelversorgung für unzählige Menschen auf dem Spiel.

2. Nahrungsquelle

Insekten übernehmen eine tragende Rolle als Nahrungsquelle für größere Tiere. Das sind bspw. Spinnen, Gliederfüßer, Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel, usw. Diese wiederum sind zum Teil die Nahrung für noch größere Tiere. Das ist ein in sich greifender Organismus, der sehr gut funktioniert. Wenn es jedoch immer weniger Insekten gibt, dann fehlt vielen größeren Insekten oder anderen Tieren die Nahrungsgrundlage und sie sterben auf Dauer aus. So geht das immer weiter und im schlimmsten Fall führt es zu einem Kollaps des Ökosystems.

3. Recycler und Regulierer (von Energie- und Nährstoffflüssen)

Insekten sind die, die sich um die Beseitigung und Mineralisierung von Tierkadavern kümmern. Ein totes Tier (im Wald oder auf der Wiese) verschwindet nicht von alleine. Insekten sind in der Lage, Aas zu fressen und es für Mikroorganismen aufzuschließen. Somit verschwindet der Kadaver sehr viel schneller, als wenn sich nur Mikroorganismen und Pilze darum kümmern würden. Andere Arten befreien uns von Kot aller Art, denn auch der verschwindet nicht einfach von alleine. Das ist, wie weiter oben mit der Nahrungsquelle, ein perfekt ineinander greifender Organismus, der jedoch nur so lange funktioniert, wie jeder seine Aufgabe erledigt, bzw. es genug Insekten gibt. Auch Nahrungsabfälle, die der Mensch fallen oder liegen lässt, werden von Insekten aufgeräumt. Dadurch wiederum wird der Massenvermehrung von Ratten und Tauben entgegengewirkt. 
Außerdem kümmern sich Insekten um die Beseitigung von abgestorbenem Holz und Pflanzen. In mehreren Phasen und durch die Einwirkung verschiedener Insekten und anderer Organismen wird Holz schließlich zu Mulm.
Last but not least: Sogar die Ausscheidungen der Insekten sind sehr, sehr wichtig, denn diese sind Substrat für Mikroorganismen, die die Materie aufschließen und somit für andere Organismen verfügbar machen. 

Sehr interessant: „Alleine in den USA wird der Wert der Arbeitsleistung von Dungkäfern auf 2 Milliarden USD/ Jahr geschätzt. Australien, wo der Mensch Schafe und Rinder als Nutztiere eingeführt hat, kann als mahnendes Beispiel dienen: Dort gibt es natürlicherweise keine Dungkäfer, die auf die Beseitigung von Kot spezialisiert sind. Deshalb drohte das Land an deren Ausscheidungen zu ersticken. Erst als der nordamerikanische und afrikanische Dungkäfer gezüchtet und freigesetzt wurde, bekam man das Problem in den Griff.“ – Das große Insektensterben von Adreas Segerer

4. Natürliche Auslese kranker Pflanzen

Geschwächte Bäume oder kranke Pflanzen werden von Insekten befallen und somit auf natürliche Art und Weise ausgelesen. Ein kranker Baum ist bspw. besonders anfällig für Borkenkäfer.

5. Welternährung

Mindestens 3/4 unserer Nutzpflanzen sind (fast) ausschließlich auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Somit ist der wirtschaftliche Nutzen der Insekten immens. 

6. Forensik

Die Besiedelung von Leichen durch Insekten gibt Forensikern Aufschluss darüber, wie lange der Mensch bereits tot ist und kann Information über den Gebrauch von Medikamenten, Drogen und Giften liefern.

7. Biologische Schädlingsbekämpfung

Die Nahrung vieler Insekten sind Schädlinge. Fallen diese Insekten weg, können sie die Schädlinge nicht mehr fressen. Insekten sind sehr spezifisch in ihrer Futterwahl.

8. Pflanzenapotheke

Die heilsamen Eigenschaften verschiedener Pflanzen sind nicht einfach so entstanden. Viele sekundäre Pflanzenstoffe, die für uns Menschen unfassbar gesund sind, sind das Resultat eines erbitterten chemischen Abwehrkampfes, den Pflanzen gegen Insekten führen, um sich vor ihnen zu schützen. Bestimmte Inhaltsstoffe sind also ganz einfach entstanden, weil sich Pflanzen gegen jene Insekten wehren wollen, die Pflanzenfresser sind. Davon profitiert dann wiederum unsere Pflanzenapotheke.

9. Verbreitung von Samen

Wusstest du, dass es über 3000 Pflanzenarten gibt, die bei der Verbreitung ihrer Samen überwiegend auf Insekten setzen?

10. Gesunder Boden

Durch all die weiter oben angeführten Aufgaben kann man zusammenfassend hinzufügen, dass eine der wichtigsten Aufgaben der Insekten darin bestimmt, die Böden gesund und lebendig zu halten.

 

3. Wie konnte es zum Insektensterben kommen? 

So, nachdem nun klar ist, wie immens wichtig Insekten für unser Ökosystem sind und warum wir auf sie angewiesen sind, geht’s weiter im Text. Was hat dazu geführt, dass aktuell ein so großes Insektensterben stattfindet? Auf den Spezialfall Biene gehe ich weiter unten noch ein. 

1. Insektizide, Pestizide & andere Gifte

Chemische Insektizide, synthetische Dünger und Pestizide (Pflanzenschutzmittel) sind in der konventionellen Landwirtschaft, aber auch bei unzählig vielen Gärtnereien und Hobbygärtern im Einsatz. Insektizide sollen Schädlinge töten, können aber nicht zwischen „Schädlingen“ und nützlichen Insekten unterscheiden. Schmetterlinge sind bspw. unfassbar sensibel. Wenn ihnen auch nur der Hauch von Gift entgegenweht, können sie bereits an winzigen Mengen sterben. 

Diese Zahl hat mich umgehauen: Der Kunstdüngereinsatz stieg weltweit von 4 Megatonnen im Jahr 1940 auf 150 Megatonnen im Jahr 1990.

Zusätzlich verrückt ist der Fakt, dass die Herstellung und Ausbringung von Dünger sehr energieaufwendig ist. Aufgepasst: Diese intensive Landwirtschaft verbraucht mehr Energie, als sie in Form von Lebensmitteln erzeugt. EU-weit sind heutzutage fast 2/3 aller natürlichen Flächen überdüngt. Das hat Folgen. Für Gewässer, für unser Grundwasser, für unsere Ökosysteme und natürlich auch für unsere Insekten. Die sind so zerbrechlich und klein. Es braucht nur wenig und sie sind tot.

Pestizide werden eingesetzt, um tierische Schädlinge, Unkraut usw. von Pflanzen fernzuhalten. Das Problem ist, dass es sich hier um chemische Cocktails handelt, die nicht nur die genannten Zwecke erfüllen, sondern dabei auch die Flora und Fauna zerstören. Nicht nur die Pflanzen oder der Boden am Feld ist davon betroffen. Auch umliegende Lebensräume können zerstört werden. Besonders betroffen sind Insekten. Das führt jedoch zu einer Kettenreaktion: Vögel sind in ihrer Ernährung von Insekten abhängig und können somit ebenfalls aussterben, wenn es zu wenige davon gibt. In unserem Ökosystem hängt eben sehr vieles zusammen. Sogenannte Neonicotinoide (Neonics) sind in starker Kritik, weil sie das Bienensterben vorantreiben. In 75 Prozent von weltweiten Honigproben konnte eine Neonic-Belastung festgestellt werden. Diese Konzentration war zwar nicht immer für den Menschen schädlich, ist jedoch für Bienen, Hummeln und Co fatal. Der Lebensraum der Blütenbestäuber ist massiv gefährdet. Laut Greenpeace müssten zwei Drittel der Pestizide, die eingesetzt werden, verboten werden. Aber wie kann es zu einer Zulassung der Stoffe kommen? Ganz einfach: Die Verträglichkeitsstudien für die Flora und Fauna (und den Menschen) erfolgt im Auftrag der Firmen, die die Zulassungen bekommen möchten. Die Ergebnisse bleiben jeweils geheim, weil es sich um Industriegeheimnisse handelt. Erst später kommt es selten zur Aufhebung der Zulassung.

Insekten nehmen unterschiedlichste Gifte durch Pflanzen, Gewässer oder die Luft auf. Dabei muss es sich gar nicht nur um Insektizide oder Pestizide handeln, sondern auch Abgase und Co sind gemeint. Dieser Chemiecocktail, also das Zusammenspiel verschiedener Gifte, kann gravierende Folgen haben und wirkt natürlich ganz anders und stärker, als ein einzelner, toxischer Stoff (in geringer Dosis).

„Alleine in Deutschland wurden 2015 rund 48.000 Tonnen Ackergifte auf die Felder und Wiesen ausgebracht. Weltweit waren es über 3.000.000 Tonnen Gifte, die Tiere, Pflanzen und Pilze töten sollen.“ – Umweltbundesamt

2. Monokultur

Über Monokultur habe ich in diesem Fact Friday bereits intensiver geschrieben. Monotone Agrarlandschaften oder Wiesen, auf denen nichts blüht, bieten keinen Lebensraum für Insekten. Da blüht nichts, da gibt’s keine Pollen und keinen Nektar. Da wächst nur eine Pflanzenart. Da sprießen zwischendurch nicht ein paar andere Pflänzlein. Hunderte Meter oder sogar kilometerlang ist einfach kein Platz für Bienen und Co. Es gibt kein Futter und keinen Unterschlupf, keinerlei Möglichkeit für einen sicheren Nestbau. Die industrielle Landwirtschaft zerstört, kurzum, wertvollen Lebensraum.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch das Unkraut erwähnen. Alle wollen mit allen Mitteln Unkraut verbannen und töten. Jedoch ist dieses eben oftmals der Lebensraum von vielen verschiedenen Insekten.

3. Betonweltmeister aka Flächenversiegelung

Ein großes Problem stellt die Zubetonierung dar. 

Wusstet du, dass europaweit pro Tag 320 Hektar natürlicher oder landwirtschaftlich genutzter Flächen zubetoniert werden?

Das ist logischerweise alles fehlender Lebensraum (Unterschlupf, Paarung, usw) für all die wunderbaren, kleinen und großen Lebewesen da draußen. Jedoch geht es nicht nur um all das Beton, sondern auch um Kieswege und Ähnliches. All das fällt unter Flächenversiegelung und ist verlorenes Gebiet für Insekten und Co.

4. Zerschneidung von Lebensräumen

Jedoch ist es nicht nur problematisch, dass die Lebensräume kleiner und kleiner werden, sondern auch, dass sie bpsw. durch Autobahnen voneinander getrennt werden. Das kann sehr schnell zu abnehmender Artenvielfalt führen, da diese als Netz und nicht punktuell funktioniert.

5. Der Klimawandel

Natürlich tut auch der den Insekten nicht gut. Er bringt das natürliche Gleichgewicht all der perfekt aufeinander abgestimmten Ökosysteme durcheinander. Ein Beispiel: Der Löwenzahn blüht heutzutage viel früher, als sonst. Weil es vor einigen Jahrzehnten einfach kälter war im Frühling. Das bringt den Rhythmus der Pflanzen und Insekten total durcheinander. Insekten werden zusätzliche durch lange, trockene Perioden und den milden Winter gestresst. Der phänologische (Phänologie: beobachtbare, periodisch im Jahresverlauf wiederkehrende Entwicklungsstadien von Pflanzen und Tieren) Frühling begann auf der Nordhalbkugel in den letzten Jahrzehnten im Durchschnitt etwa 2,8 Tage pro Jahrzehnt früher, dies führt zu einem früheren Brüten der Vögel und einem früheren Erblühen von Pflanzen. Durch den Klimawandel verändern sich Vegetationszonen und Klimazonen. Beispiel: Von 1950 bis 2010 haben sich etwa 5,7% der weltweiten Landfläche hin zu wärmeren und trockeneren Klimazonen verändert. Bei Veränderung des Klimas haben Arten drei Möglichkeiten zu reagieren: Sie können sich anpassen, sie können aber auch den klimatischen Veränderungen folgen, meist in Richtung der Pole, um wärmeren Temperaturen auszuweichen oder sie können sich drittens weder anpassen noch ausweichen und sterben im Extremfall aus. Wenn sich eine Art verändert hat das natürliche starke Auswirkungen auf das Ökosystem, denn auch Räuber-Beute-Beziehungen verschieben sich eingreifend.

Wie der Klimawandel funktioniert? Das erkläre ich kurz und knapp in diesem Fact Friday.

6. Lichtverschmutzung

Dass es überall leuchtet (Autos, Häuser, Straßenlaternen usw) ist höchst verwirrend für Insekten. Das stört ihre Orientierung, schwächt ihren Energiehaushalt und sorgt für weniger Fortpflanzungserfolg. Insekten, die von Lichtquellen angezogen werden, sind natürlich auch ein leichtes Opfer für deren Fressfeinde. Tod durch Erschöpfung wird leider auch oft beobachtet.

7. Die industrielle Landwirtschaft ganz allgemein

Die Sortenverluste sind gigantisch. Es gibt weltweit rund 15.000 Tomatensorten. Was landet im Supermarkt? Ein miniminimini Bruchteil davon. Genetische Verarmung von Nutzpflanzen und -tieren ist die Folge. Knapp 20% der Landwirtschaftsfläche wird für den Anbau von Energiepflanzen wie Mais verwendet. Das wiederum belastet die Umwelt noch weiter und treibt das Artensterben voran. Die industrielle Landwirtschaft kurbelt den Klimawandel dank all der Ausdünstungen und Gülle der Billiarden von Tieren, die in Gefangenschaft leben, permanent an. Laut Forschungen am Max-Planck Institut für Meteriologie ist der Anstieg der Klimagase in der Atmosphäre zu etwa einem Drittel auf diese Form der Landwirtschaft zurückzuführen. Die industrielle Landwirtschaft ist natürlich ebenfalls dafür verantwortlich, dass viele kleine Betriebe nicht weiter bestehen und durch Monokultur und moderne Agrarwelt ersetzt werden.

Ein kleiner Einblick in die Entstehung der industriellen Landwirtschaft:

Nachdem die Landschaft ursprünglich aus Wäldern, Sümpfen, Auenlandschaften, Wiesen, usw. bestand, begann der Mensch, offene Stellen als Weidefläche für Vieh zu benutzen und die Natur in all seinen Formen zurückzudrängen. Es wurden auch Flächen brandgerodet oder freigelegt. Hier handelt es sich aber um extensive Nutzung, sie hat dem Wald also nur bedingt geschadet. Durch die neue Gestaltung des Waldes (offene und geschlossene Waldflächen wechselten sich ab), konnten verschiedene Tiere und Insekten überleben, da der nächste dichte Wald immer nah war. Damit war der Mensch zu diesem Zeitpunkt sogar noch positiv an einer damals sehr hohen Biodiversität beteiligt und hat nicht, wie heute, Raubbau an der Natur betrieben. Mit der industriellen Revolution (Mitte 18. Jhdt.) kamen dann mehr Städte, Orte, Fabriken, die die Natur immer mehr zurückdrängten. Hundert Jahre später feierten hoch schädliche Pestizide ihren Siegeszug. Insekten brauchen intakte Wälder, Wiesen und chemiefreie Natur, um zu überleben. Die industrielle, maschinelle Landwirtschaft macht dies nicht mehr möglich. Von über 800 Biotypen in Deutschland ist bei zwei Drittel die Gefährdungslage angespannt. Im Waldbau wird oft (wie auch in der Landwirtschaft) auf Monokulturen gesetzt, es wird also immer derselbe Baum gepflanzt, was zu einer Übernutzung der Böden und damit deren Zerstörung führt. Auch das Einführen fremder, robuster Baumarten hat einen entscheidenden Nachteil: Heimische Insekten können diese nicht als Nahrung und Lebensraum nutzen, sie suchen und benötigen die heimischen Hölzer und Blätter.

Definition von Biodiversität: „Die Vielfalt jeglicher Lebensformen und Ökosystemen sowie Wechselwirkungen zwischen einzelnen Lebewesen und den Ökosystemen und die genetische Vielfalt innerhalb der Arten.“ – Kleine Gase, große Wirkung: Der Klimawandel

Spezialfall: Bienensterben

Die weiter oben angeführten Probleme treffen ebenfalls auf die Bienen zu. Jedoch sterben diese auch aufgrund der Überzüchtung aus. Sie sind nicht widerstandsfähig genug (bspw. gegen Milben) und werden nur darauf gezüchtet, so viel Honig wie möglich zu produzieren.

 

4. Eine Welt ohne Insekten. Was passiert, wenn die Artenvielfalt weiter abnimmt?

Gelinde gesagt haben wir dann ein riesengroßes Problem. Wenn ihr weiter oben aufmerksam gelesen habt, welche unfassbar große Vielfalt an Aufgaben auf Insekten zurückfällt (wie bspw. die Bestäubung!) und welch großer und wichtiger Teil sie vom Ökosystem sind, dann wird euch bereits klar sein, dass eine weitere Abnahme der Artenvielfalt irgendwann zu einem Kollaps des Ökosystems führt. Was dann genau passiert, weiß keiner. Natürlich stellen Wissenschaftler*innen Prognosen an und die sehen nicht rosig aus. Es gab bisher fünf große Massenauslöschungen auf unserem Planeten und diese zeigen, dass der Zusammenbruch sehr schnell von Statten gehen kann. Wir wissen nicht, ab welchem Moment die Ökosysteme kippen. Gerade in diesem Moment denke ich mir, wie kann ich diesen Artikel nur so entspannt schreiben, während sich da draußen ein Ökosystem-Kollaps anbahnt? Wie können wir eigentlich alle noch so entspannt dahinleben, während die Natur vor die Hunde geht. Ich haue auf die Tasten und frage mich, was mit mir los ist? Wieso bin ich nicht längst auf die Barrikaden gestiegen und hab all meine Nachbarn, Freunde, Fremde und sonstwen motiviert, es auch zu tun? Es kann sein, dass die Artenvielfalt in 100 Jahren auf ein Minimum begrenzt oder zur Gänze ausgestorben sein wird. Im besten Fall kriege ich das sogar noch mit. Wie krass schrecklich und angsteinflößend ist das eigentlich? Und trotzdem lebe ich friedlich dahin? Ich sammle Zigaretten, bin vegan, reise so nachhaltig ich es schaffe, kaufe unverpacktes Gemüse usw. – als ob das reichen würde. Andererseits würde es vielleicht reichen, wenn es jeder tun würde. Ach shit, jetzt komme ich vom Thema weg. Aber was mir wirklich Sorge macht, ist, dass die Welt für meinen Geschmack zu entspannt ist, wenn man bedenkt, was für eine Katastrophe sich vor unseren Augen anbahnt. Was sind wir überhaupt für eine Spezies, die ein Massenaussterben innerhalb weniger Jahrzehnte anzettelt. Wie krank ist das? Ok. Tief durchatmen. Kommen wir zum Punkt zurück.

Also, was passiert, wenn die Artenvielfalt weiter abnimmt? Ein stark reduziertes Sortiment an Obst und Gemüse. Eine Mangelernährung ist vorprogrammiert. Tiere, die Insekten fressen, sterben aus. Tiere, die wiederum diese Tiere fressen, sterben aus. Ratten und Nager würden sich extrem vermehren, denn Insekten als Beseitiger von Kot und Kadavern fallen weg. Das Recycling von toter Materie würde deutlich länger dauern. Die Welt wäre voller Fäulnis und Schimmel. Die Natur würde zunehmend verstummen. Usw. Wenn also weiterhin jährlich tausende Pflanzen- und Tierarten verschwinden, steuern wir auf einen Kollaps des Ökosystems zu. Denn dieses funktioniert nunmal nicht ohne Insekten als „Fundament“. De facto sind wir kaum oder gar nicht überlebensfähig, wenn die Insekten weiterhin rapide weniger werden bzw. aussterben. Wenn das Insektensterben so weitergeht, wie es aktuell von Statten geht, sind die Insekten in etwa 100 Jahren zur Gänze ausgestorben. In 100 (!!!) Jahren! Das wird dann das sechste Massenaussterben. 

Was man verstehen muss, ist, dass das weitere Aussterben von Arten oder die vollständige Extinktion eine tragische Kettenreaktion auslöst, dessen Ausmaß wir zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht verstehen können. Wir sind von Insekten abhängig. Dieser Planet kann gut ohne uns Menschen. Aber wir können nicht ohne ihn und all seine kleinen Mitbewohner. 

 

5. Werde aktiv! Was du für mehr Artenvielfalt, Biodiversität und gegen Insektensterben tun kannst

Jeder kann im großen oder kleinen was dafür tun, die Artenvielfalt zu schützen und Insekten zu beschützen. Ich weiß, ein Absatz weiter oben klingt es so, als hätte ich die Hoffnung bereits aufgegeben. Aber dem ist nicht so. Sonst könnte ich mir den Blog ja sparen. Ich glaube, dass wir es schaffen können. Wir müssen nur alle noch mehr in die Pötte kommen und aktiv etwas tun (JETZT!).

1. Bio-Lebensmittel (im besten Fall von kleinen Betrieben) kaufen

Somit stellst du sicher, dass du Bauern und Bäuerinnen unterstützt, die keine chemischen Insektizide und Pestizide verwenden, die sehr schädlich für Insekten sind. Und nein, bio muss nicht teuer sein. Wir kaufen das meiste beim Bauernmarkt und die Preise dort sind super fair. Klar, die Preise schwanken von Stand zu Stand von Stadt zu Stadt. Suche einfach ein bisschen herum. Du wirst sicher tolle Produkte mit gutem Preis-Leistungsverhältnis finden. Behalte aber bitte im Hinterkopf, dass wir total verwöhnt sind und in Supermärkten konventionelle Produkte aus dem Ausland meist vieeeeel zu billig angeboten werden. Das sind keine normalen Preise. Wertschätzung für Nahrung muss wieder her!

2. Regional einkaufen auf dem Bauernmarkt

Im besten Fall unterstützt du ganzjährig (kleinere) Bauern und Bäuerinnen aus der Region. Ich gehe jeden Samstag zum Bauernmarkt und kaufe dort Gemüse für die ganze Woche. Alternativ kannst du dich nach einer Biokiste aus deiner Region umschauen. Ich kaufe dort am liebsten bei zwei verschiedenen Ständen ein. Den einen habe ich auch schonmal besucht und dort ist alles so schön unperfekt. Keine Monokultur, sondern Abwechslung. Viele verwinkelte Ecken und mögliche Nistplätze für Insekten und Co.

Je mehr wir die kleinen Bauern unterstützen, desto eher sind sie gegen die großen überlebensfähig. Bauernbetriebe gehen pleite. Warum? Weil alle im Supermarkt die billigen Sachen aus Italien und Co kaufen. Aktiv tust du was dagegen, wenn du zum Bauernmarkt gehst. Aber Achtung. Nicht alle Stände beim Wochenmarkt sind bio, regional und super. Manche kaufen ihre Sachen vom Großmarkt. Schau also wirklich genau, wo du etwas einkaufst. Und falls du Honig kaufst, dann kaufe nur welchen der zu 100% aus Österreich oder Deutschland kommt.

Warum Monokultur so schlecht ist und was es für Alternativen gibt, kannst du hier nachlesen.

3. Nein zu Dünger und Co

Zuhause nicht mit schädlichen Insektiziden und Pestiziden den eigenen Garten oder Balkon düngen. Bio-Erde verwenden.

4. Naturschutz achten

Pflanzen, die unter Naturschutz stehen, nicht pflücken. Und von allem anderen, was man im Wald und auf Wiesen pflücken darf, nicht zu viel pflücken. Also keine Plätze komplett leersammeln.

5. Blumen säen und Insekten und Bienen somit Futter und Unterschlupf bieten

Das geht im Kleinen auf der Fensterbank oder im größeren Stil auf dem Balkon oder im Garten. Falls du keinen Garten hast: Es gibt so viele traurig aussehende kleine Grünflächen zwischen Gehweg und Straße und so viele nicht blühende Wegesränder in Parks oder sonstwo. Verteile doch dort Seed Bombs oder Samen. Am besten du gießt auch kurz drüber, dann ist die Chance höher, dass etwas daraus wird. Empfehlung: Nimm mehrjährige Blumensamen, die im besten Fall winterhart sind und ganzjährig draußen bleiben können. Somit schaffst du auch Raum fürs überwintern, sich paaren, Nachwuchs schaffen und Co.

Aber Achtung: Nicht alle Pflanzen sind Insektenfreundlich. Insektenfreundlich sind bspw: Blaukissen, Glockenblumen, Ziest, Natternkopf, Platterbse, Färberkamille, Reseden, Musktaeller-Salbei, Wegwarte, Mauerpfeffer, Goldlack, Verbene, Ziertabak, Steinkraut. 

Winterharte und mehrjährige Kräuter: Lavendel, Ysop, Dost, Thymian, Zitronenmelisse, Salbei, Pfefferminze, Weinraute oder Schnittlauch.

Im Buch Das große Insektensterben ist ganz genau aufgelistet, welche Büsche und Pflanzen für Insekten interessant sind. Schreib mir gerne auf Instagram und ich schicke dir ein Foto von den paar Seiten. Ihr findet aber bestimmt online auch tolle Auflistungen.

Ergänzend möchte ich noch darauf hinweisen, dass sich Insekten besonders in unaufgeräumten Gärten sehr wohlfühlen. Laub, Totholz, Steinhäufen, ein nicht perfekt gemähter Rasen usw. sind das Paradies für Insekten. 

6. Wasserquellen schaffen

Wasser ist nicht nur für uns Menschen überlebenswichtig. Bereite also einen kleinen Wasserplatz für Insekten und Co auf der Fensterbank, am Balkon oder im Garten.

7. Ganz generell: Etwas gegen den Klimawandel tun

Wir wissen, dass steigende Temperaturen problematisch sind für die Insekten (und alle anderen Tiere) und somit ist es wirklich wichtig, den eigenen CO2-Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Das kannst du auf ganz unterschiedliche Weise tun: Weniger Müll produzieren, auf Mehrweg statt auf Einweg setzen, zu Ökostrom wechseln, immer Netztaschen und Gemüsebeutel zum einkaufen mitbringen, unverpacktes Gemüse auf dem Markt und unverpackte andere Lebensmittel im Unverpacktladen kaufen, den eigenen Konsum in Frage stellen und bewusster einkaufen (egal was), Öko-Mode statt konventioneller Kleidung kaufen oder secondhand shoppen (Bio-Baumwolle vs. normaler Baumwolle könnt ihr hier nachlesen), weniger fliegen, mehr Zug fahren, weniger weit weg fliegen, mehr die Umgebung erkunden, weniger Autofahren, mehr Öffis/Fahrrad/zu Fuß/Fahrgemeinschaften, weniger heizen, vegaaaaan essen, andere über den Klimawandel aufklären usw.

Viele spannende Artikel zum Thema findest du in der Kategorie FACT FRIDAY hier auf dem Blog.

8. Werde aktiv!

Bei NABU gibt’s immer wieder Petitionen, die unterschrieben werden können. Halte dich auf dem Laufenden bzgl. Demos und Co.

9. Keine Insekten töten

Am Leben lassen und wenn du ein Tierchen in der Wohnung findest, dann unbedingt ins Grüne bringen.

10.  SPREAD THE WORD

Sprich mit jedem über Insektensterben. Mache Menschen aufmerksam, wie die Lage aussieht, was so schlimm daran ist und wie sie auf einfache Weise helfen können. Teile Artikel und Informationen wie diesen auf Facebook, Instagram und Co. Awareness für dieses Thema schafft mehr Wissen und das wiederum ist die Basis für Handlung.

 

 

 

 

Quellen:

Das große Insektensterben – Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen (Buchtipp!) – Andreas Segerer & Eva Rosenkranz

Umweltinstitut München – Gründe fürs Sterben

Not Another Women Mag: Was du tun kannst, wenn dir die Bienen wichtig sind

Kleine Gase, große Wirkung – Der Klimawandel (Buchtipp!)

 

 

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10 Comments

  • Reply Ilsemarie 4. Mai 2019 at 3:32 pm

    Hallo Justine,
    Dein Artikel über die Artenvielfalt ist so erschütternd.
    Ich habe jedes einzelne Wort gelesen und kann trotzdem nicht verstehen wie wir es soweit kommen lassen konnten.
    Seit einigen Jahren habe ich mein bisheriges Leben schon geändert und
    auf die Umwelt geachtet ohne zu wissen das es schon kurz vor Zwölf ist.
    Danke Justine das Du mir und bestimmt auch vielen weiteren Lesern die Augen geöffnet hast.

    Mich bewegt aber noch ein anderes Thema denn da wir auf die Politik nicht hoffen brauchen frage ich mich auf was ich bei der Europawahl achten muß.
    Sicherlich ist es trotz allem wichtig dabei keinen weiteren Fehler zu machen.

    Herzliche Grüße Ilsemarie

    • Reply Justine 9. Mai 2019 at 11:09 am

      Danke dir Ilsemarie! Ich freu mich immer sehr über dein Feedback 🙂 Also ich wähle die Grünen!
      Liebe Grüße, Justine

  • Reply Yannick Zohren 26. April 2019 at 1:18 pm

    Hallo liebste Justin,

    ich möchte mich herzlichst bei dir Bedanken wie akribisch du das Thema aufgearbeitet hast und hier die Aufmerksamkeit dafür erhöhst. Ich habe mit dem Thema beruflich fast täglich zu tun und bin mir daher ziemlich sicher, dass das Thema neben der Klimakrise bald ebenso wichtig wahrgenommen wird – das ist zumindest zu hoffen. Deinen Beitrag dazu hast du ja schon geleistet.

    Deine Verzweiflung kann ich sehr gut nachvollziehen, denn: es ist einfach kein neues Thema! Es gibt schon seit den 80er Jahren (Brundtland-Bericht) einen Fokus auf das Thema. Und sogar seit 1992 die CBD (Convention on Biological Diversion) auf UN Ebene. Man könnte meinen man hätte das Ruder schon früh in der Hand gehabt und wichtige Änderungen vornehmen können. Auch Deutschland und Österreich haben diese Abkommen mit verhandelt und auch alle nachfolgenden Konventionen ratifiziert usw. Aber leider braucht es sehr sehr lange bis es auf alle Ebenen angekommen ist. Ein kleines Beispiel wie das gemeint ist. Deutschland hat sich auf verschiedenen Ebenen dazu verpflichtet Biodiversität zu konservieren. Aber in meiner Kommune erlaubt die Stadt der örtlichen Gärtnerei eine Vielzahl an ehemaligen Grünflächen mit Kies zuzuschütten und aus biologischer Sicht wertlosen Neobiota zu bepflanzen. Gleichzeitig wird hier jeder zweite Vorgarten zur Kieswüste und bei den neuen Hecken wird mit Vorliebe Kirschlorbeer gepflanzt. Die Pflanze wird bspw. überhaupt nicht kompostiert, weil kein Insekt die Blätter jemals fressen würde.

    Lange Rede kurzer Sinn: es gibt auch ein politisches Versagen. Wusstest du zB dass die Jahre 2011 bis 2020 die UN Dekade zur Biodiversität sein sollten? Selbst als interessierter Mensch braucht man lange bis man auf diese Losung und die dazugehörigen Strategien stößt. Aber was kommt danach, also nach dem Jahre 2020? Das soll nächstes Jahr in China auf einer UN Konferenz verhandelt werden (CBD COP 15). Vielleicht hilft es ja den zuständigen Ministerien nochmals zu schreiben bevor dort international verhandelt wird. Oder man startet eine Petition zum Thema um den jeweiligen Delegationen die Bereitschaft zur Veränderung vor Augen zu führen.

    Ich denke wir vertreten insgesamt den gleichen Standpunkt. Dennoch habe ich noch 6 Punkte, die ich gerne ansprechen würde:

    1. Du sprichst von „Zubetonieren“. Ich glaube hier wäre es besser generell von Flächenversieglung zu sprechen. Denn eine gepflasterte Einfahrt oder Kies im Vorgarten sind ja kein Beton, aber für die Natur – und damit für Insekten – dennoch verloren. Ganz wichtig sind auch Brachflächen. Bspw gibt es alte Industrieflächen, die nicht mehr genutzt werden auf denen aber dennoch nur langsam die Natur sich den Raum zurückholt. Hier müssten geeignete Maßnahmen ergriffen werden, diese Flächen zu rekultivieren.

    2. Im Abschnitt zur industriellen Landwirtschaft sagst du, dass die Landschaft vor allem aus Wäldern bestand. Meines Wissens nach kann man das nicht ganz so stehen lassen. Denn es gab und gibt ja Flächen auf denen Bäume einfach keine Chancen haben. Bspw Heideflächen, Sümpfe oder Auenlandschaften. Diese sind natürlich auch urbar gemacht worden und bedroht. Es sind andere Ökosysteme als Wälder in denen natürlich auch Insekten leben. Hier könnte man also generell sagen, dass die Natur in all seinen Formen vom Menschen zurückgedrängt wird.

    3. Dieser Punkt passt im Prinzip zu Punkt 2. Du schlussfolgerst an einer Stelle, dass die Artenvielfalt in den Städten noch schlechter sei als auf dem Land. Der generelle Trend ist definitiv so. Aber in der Stadt gibt es für die Insekten manchmal doch mehr zu finden als man denkt. Denn auch wenn die Stadt kein perfektes Ökosystem ist, gibt es eben doch mehr Abwechslung als auf riesigen Monokulturen.

    4. Ich sehe die Welt leider allzu oft sehr negativ und deshalb würde ich auch sagen: die ökologische Krise ist längst da. Analog zum Klimawandel sind wir mitten in einer Spirale, die sich immer weiterdreht. Und selbst wenn wir jetzt die Notbremse ziehen, wird der Trend sich nur schwer umkehren lassen. Denn es verschwinden ja auch unzählige Arten, die überhaupt noch nicht entdeckt worden sind. Bspw in den Regenwäldern. Hier lohnt es sich den Blick nochmals auf die globale Dimension zu richten. Denn es gibt durchaus Ökosysteme, die der Mensch schon aus dem Gleichgewicht gebracht hat und irreversibel zerstört hat.

    5. Im Abschnitt zu den Bienen sprichst du davon, dass die Bienen durch Überzüchtung ihre Resistenz eingebüßt haben. Hier lohnt es sich auch nochmal auf die Vielzahl an heimischen Wildbienen zu verweisen. Diese Leben meist nicht in Völkern und sind oft absolute Spezialisten in ihrem Habitat. Zierpflanzen auf dem Balkon bringen diese Arten leider oft nicht weiter. Da braucht es dann schon eher Guerilla Gardening mit heimischen Wildblumen, wie du es vorgeschlagen hast.

    6. Und last but not least mein Tipp für die kleinen Insekten: ein unaufgeräumter Garten. Sprich: Laub liegen lassen, Totholz nicht wegräumen, Steinhaufen anlegen, den Rasen nicht zu oft mähen und insbesondere heimische Pflanzen bevorzugen.

    Ich hoffe dieser Kommentar erschlägt niemanden und ganz besonders nicht dich Justin. Ich freue mich jedoch auf den Austausch, Diskussionen zum Thema und das gemeinsame Handeln. Packen wir es an!

    Und um das ganze noch abzurunden möchte ich noch ein Zitat von Martin Luther unterbringen:
    „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“

    Hoffentlich sehen wir uns bald mal wieder! Liebe Grüße und bis bald,
    Yannick

    • Reply Justine 29. April 2019 at 10:42 am

      Hallöchen Yannick! Danke dir für dein (ausführliches) Feedback 😉

      Ich finde die Punkte, die du da in den Raum wirfst, super spannend und mache mich gleich an die Arbeit das ein und andere im Beitrag zu ergänzen, weil es einfach total plausibel ist und unbedingt noch erwähnt werden sollte.
      Danke dir für deine Mühe auf jeden Fall 🙂 Ich fand es sehr schön, so eine detaillierte Ansichtsweise zu dem Thema zu lesen.

      Habt eine tolle Woche ihr drei und hoffentlich bis bald 🙂
      Justine

  • Reply Julia 26. April 2019 at 10:38 am

    Super Artikel! Habe einiges gelernt und werde mich weiter informieren. Ich habe schon vorher mitbekommen dass die Insekten immer weniger werden – aber du hast mir gerade wirklich vor die Augen geführt was das eigentlich bedeutet. Danke!

    • Reply Justine 29. April 2019 at 10:39 am

      Danke dir Julia für dein Feedback! Mir ging es genauso.. einfach schlimm! Aber irgendwie können wir das Ruder noch rumreißen 🙂
      Hab eine schöne Woche. Liebe Grüße, Justine

  • Reply Roswitha 24. April 2019 at 5:59 pm

    Super Justine!

    …hast du dir eine Arbeit gemacht, vielen Dank!
    ….werde den Link von deiner Seite weiterleiten.

    Ein Fehler hat sich eingeschlichen:

    „auf Einweg statt auf Mehrweg“ siehe oben 5./7

    Liebe Grüße!

    • Reply Justine 29. April 2019 at 10:38 am

      Hi liebe Roswitha, danke dir für dein Feedback, das bedeutet mir, wie immer, viel 🙂
      haha oh Gott, danke dir, das habe ich gleich ausgebessert!
      Liebe Grüße und hab eine schöne Woche, Justine

  • Reply Ursula 24. April 2019 at 5:39 pm

    Liebe Justin, für Deine Arbeit, für dieses Mail mit all den Informationen, aus tiefstem Herzen Danke! Als alte Frau freue ich mich riesig an Deinen Mitteilungen an die vielen Leserinnen und Leser. Ich werde gehen, dann gehört dieses Weltkügelchen für einen “Augenblick“ Euch, und Ihr müsst entscheiden, wie Ihr damit umgehen wollt. Um zu leben? Nein, um zu überleben und dann viel mehr: um gemeinsam zusammen zu leben. Gemeinsam alle miteinander, wie es in der Entwicklungsgeschichte auch unser Körper vom Ein-Zeller zum Viel-Zeller geschafft hat. In unserem Körper leben Leber, Niere, Lunge, Füsse, Zunge, Augenlid, Darmausgang, Schulterblatt etc, etc, gemeinsam jeder für sich und seine spezifische Aufgabe und alle für jeden. Das ist die einzige Möglichkeit: Wir müssen meines Erachtens bereit sein, alle mit allen gemeinsam zu verhandeln, so dass alle, jeder und jede und jedes seinen Platz bekommen kann und sich wohlfühlt. Das wäre Liebe.
    Als wir heute Alten – nun, einige von uns – anfingen, uns in diese Richtung Sorgen zu machen und darüber sprachen, wurden wir ausgelacht. Als wir uns Mühe gaben, wurden wir diskreditiert, mit “Namen“ abgestempelt. Als wir zur Tat schritten, weil es uns Ernst war, wurden wir ausgegrenzt, hatten für vieles keine Chance mehr. Und dranbleiben hat sich dennoch gelohnt. Wie hiess es? Wenn an vielen kleinen Orten viele kleine Leute viele kleine Veränderungen vornehmen, verändert sich das Gesicht der Welt.
    Dann kam das Internet, und wir konnten uns weltweit vernetzen. Dieses Netz ist wie ein Spinnennetz. Gott sei Dank.
    Und mir sind heute weltweit viele wachsende Gruppen bekannt, die wie Du in eine bestimmte Richtung zu wandern aktiv handelnd sehr entschlossen sind. Welche Freude, welch ein Glück, das zu erleben.
    Mit meinen allerbesten Gedanken begleite ich Dich.
    Stay human, wie ein Freund von mir jeweils schreibt,

    Mit herzlichen Grüssen
    Ursula, aus Bern

    • Reply Justine 29. April 2019 at 10:37 am

      Hallo liebe Ursula, ich freue mich sehr über deine Rückmeldung und den Einblick in deine Gedanken!! Ich bin auch so froh, dass wir uns alle gegenseitig so schön vernetzen können und uns zu solch wichtigen Themen austauschen können 🙂
      Ganz liebe Grüße, Justine

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